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Biblischer Umgang mit Verschwörungsmythen

Dies ist ein Transkript meines Vortrags, den ich am 21.05.2021 in der Jugendstunde gehalten habe. Die erwähnten Links und Literaturhinweise finden sich ganz am Ende.

Einleitung

Als ich begann, mich für das heutige Thema vorzubereiten, hatte ich gedacht, dass dies ein relativ kurzes Thema werden wird. Ich habe mich schon länger mit diesem Thema beschäftigt, aber ich hatte mir noch nie wirklich die Frage gestellt, was die Bibel dazu sagt.

In den letzten Monaten habe ich mich intensiver mit den Hintergründen und Mechanismen von Verschwörungserzählungen beschäftigt. Ich habe sehr viel dazu gelesen und gehört. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto mehr habe ich verstanden, wie vielschichtig dieses Thema ist. Welche Relevanz es für den Alltag hat. Welche Gefahren in diesem Thema stecken können. Und was die Bibel dazu sagt.

Ich kann euch schon vorab sagen, dass ein Abend sehr sehr knapp ist, um das Thema in seiner vollen Tiefe zu vermitteln.

Wenn ihr Fragen zu einem Fremdwort habt, dann könnt ihr die gerne während des Vortrags stellen.

Und ich möchte auch einen Disclaimer voran stellen. Ich werde heute einige Verschwörungserzählungen aufgreifen, um einige Prinzipien zu erklären. Es kann gut sein, dass einige von euch bereits eine gewissen Meinung zu dem Thema haben. Oder dass ihr euch mit der einen oder anderen Verschwörungserzählung schon genauer beschäftigt habt. Ich habe zu vielen Themen eine differenzierte Meinung. Bitte versucht nicht, mich während des Vortrags in die eine oder andere Schublade zu stecken. Bitte hört meinem Vortrag erst bis zu Ende zu, bevor ihr euch eine abschließende Meinung bildet. Im Anschluss an der Jugendstunde werden wir noch Zeit haben, wenn ihr persönliche Fragen an mich habt.

Ich habe den Vortrag in folgende Abschnitte gegliedert:

  1. Was ist eine Verschwörung?
  2. Was ist eine Verschwörungstheorie bzw. -mythos?
  3. Unterscheidung von Verschwörungen und Verschwörungsmythen
  4. Warum sind wir anfällig für Verschwörungsmythen?
  5. Welche Gefahren gehen von Verschwörungsmythen aus?
  6. Wie geht man mit Verschwörungsgläubigen um?

Am Ende es Vortrags habe ich noch einige Buch- und Podcast-Empfehlung für euch, wenn ihr euch sachlich und wissenschaftlich mit diesem Thema auseinander setzen wollt.

Was ist eine Verschwörung?

Eine Verschwörung ist ein geheimer Zusammenschluss von mehreren Individuen mit einem konkreten Ziel, bei dem anderen Menschen ein Schaden zugefügt wird.

Verschwörungen gibt es und gab es schon immer. Zu den historisch ältesten und am besten dokumentierten Verschwörungen gehört das Attentat auf Gaius Julius Cäsar im Jahr 44 v. Chr. In der Bibel finden wir mehrere Beispiele für Verschwörungen.

Auch mehrere fehlgeschlagenen Bombenattentate auf Adolf Hitler wurden durch einige Verschwörer geplant und ausgeführt.

Im Jahr 2013 bestätigten die Enthüllungen von Edward Snowden das Ausmaß der weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten durch die USA und Großbritannien. Vorher wurde darüber nur als Verschwörungstheorie spekuliert.

2015 wurde im sogenannten „Diesel- oder Abgasskandal“ öffentlich bekanntgemacht, dass die Volkswagen AG eine illegale Abschalteinrichtung in der Motorsteuerung ihrer Diesel-Fahrzeuge verwendete. Damit wurden diverse Automodelle von VW, Porsche und Audi als „besonders sauber“ verkauft, obwohl sie die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide überschritten.

Eigenschaften von Verschwörungen

Was haben all diese Verschwörungen gemeinsam?

  1. Sie beschränken sich auf eine minimale Anzahl an Mitwisser. Je mehr Menschen von der Verschwörung wissen, desto eher scheitern sie oder fliegen vorzeitig auf.
  2. Sie sind zeitlich begrenzt und sind irgendwann beendet (z.B. wenn Cäser tot ist). Oder sie fliegen auf, weil jemand nicht dicht gehalten hat.

So kann sich ein Insider aus Versehen verraten oder dazu gezwungen werden. Oder ein Whistleblower veröffentlicht die Pläne aus finanziellen oder moralischen Gründen.

Was ist eine „Verschwörungstheorie“?

Vorab muss ich sagen, dass der Begriff „Verschwörungstheorie“ in den meisten Fällen sehr unpassend ist. Auch wird gerne schnell jemand als „Verschwörungtheoretiker“ bezeichnet, um ihn zu diffamieren oder alle weiteren Argumente zu delegitimieren. Das solltet ihr nicht machen. Einige bessere Möglichkeiten werde ich noch später aufzeigen.

Eine Theorie ist eine wissenschaftlich nachprüfbare Annahme über die Welt. Wenn sich diese als falsch herausstellt, wird sie auch wieder verworfen. Die Verschwörungserzählung zeichnet sich aber eben genau dadurch aus, dass sie sich der Nachprüfbarkeit entzieht.

Ich habe bemerkt, dass der Begriff auch in christlichen Kreisen sehr unterschiedlich verwendet wird. Der Begriff hat zu viele Bedeutungen, und ist dennoch in den meisten Fällen unpassend. Wissenschaftler, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben, schlagen daher vor, die verschiedenen Bedeutungen aufzuteilen. Damit wird klarer, was jeweils gemeint ist.

  • Verschwörungsmythos
    Ein übergeordneter unkonkreter Verschwörungsmythos oder ein abstraktes Narrativ. Beispiel: Die jüdische Weltverschwörung
  • Verschwörungserzählung
    Ein konkrete Erzählung oder Geschichte, die sich oft aus dem abstrakten Mythos speist. Beispiele: 9/11 war eine Geheimdienstoperation, Hitler war heimlicher Jude
  • Verschwörungsideologie /-mentalität
    Eine individuelle Tendenz, die Welt als Ort voller Verschwörungen wahrzunehmen, z.B. ein generelles Misstrauen gegenüber als mächtig wahrgenommenen Personen oder Gruppen
  • Verschwörungsgläubige
    Ein Mensch mit starker oder ausgeprägter Verschwörungsmentalität, bzw. jemand, der an Verschwörungsmythen glaubt.

In diesem Vortrag werden ich diese besser passenden Begriffe Verschwörungsmythos und Verschwörungserzählung verwenden. Der Begriff Verschwörungstheorie sollte vermieden werden, weil er meisten nicht zutrifft.

Typische Merkmale für Verschwörungserzählungen

Was sind typische Merkmale für eine Verschwörungserzählung?

  1. Nach weltweiten Ereignissen entstehen häufig neue Verschwörungserzählungen, die meist im Kontext eines vorhandenen Verschwörungsmythos eingebettet werden.
    • Die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001: Es gibt dazu die verschiedensten Verschwörungsmythen. So wird der Anschlag wahlweise dem amerikanischen oder israelischen Geheimdienst zugeschrieben. Oder dass die Gebäude gesprengt wurden. Oder dass am Tag des Anschlags angeblich 4.000 Juden nicht zur Arbeit im World Trade Center erschienen seien. (Laut dem Wall Street Journal waren mindestens 10% der Opfer jüdisch.)
    • Die Große Pest von 1347 bis 1350: Die Juden wurden beschuldigt, dass sie heimlich die Brunnen vergiften würden.
    • Die Mondlandungen: Sie sollen nie stattgefunden haben, sondern sollen von der US-amerikanischen Regierung vorgetäuscht worden sein.
    • Die Corona-Pandemie: Wahlweise soll das Virus aus einem chinesischen Labor entflohen sein, oder von der Pharmaindustrie entwickelt worden sein, oder es existiere gar nicht.
  2. Sehr viele Menschen müssen involviert sein. Menschen, die auf Ungereimtheiten und Widersprüche hinweisen, werden als „Schlafschafe“ diffamiert oder einfach in die Gruppe der Verschwörer aufgenommen, wobei deren Zahl beliebig weit wachsen kann. Das kann dazu führen, dass man im Fall der Mondlandung mehrere Millionen Menschen einer Verschwörung bezichtigen muss. Einschließlich zweier Großmächte (USA und Sowjet Union), die politisch nicht gegensätzlicher hätten sein können.
  3. Sie bestehen keiner Plausibilitätsprüfung. Fängt man an, einen Verschwörungserzählung logisch zu hinterfragen, so kommt man schnell an einen Punkt, an dem sich Argumente entweder widersprechen, oder dass immer weitere Annahmen oder Verschwörungen geglaubt werden müssen. (Wenn die Mondlandung gefälscht ist, warum hat sich die Sowjet Union diesen Vorwürfen nicht angeschlossen? Sie hatten dadurch den „Race to Space“ verloren.)
    Merke: „Verschwörungsgläubige zielen nicht auf Mitdenker, sondern auf Mitläufer.“
  4. Dadurch, dass man versucht, verschiedene Verschwörungserzählungen unter einen Hut zu bringen – um alles erklären zu können -, entstehen immer komplexere Parallel-Wirklichkeiten.
  5. Es steht von Anfang an ein Schuldiger, bzw eine schuldige Gruppe fest. Dieser Schuldige taucht meistens im dahinter liegenden Mythos auf.

Der Unterschied zwischen einer echten Verschwörung und einer Verschwörungserzählung

Eine Verschwörungserzählung lässt sich mit einer Sage oder einem Märchen vergleichen. In einem Märchen können wundersame Dinge passieren (Zauberei, sprechende Tiere, etc) und uns ist klar, dass diese Geschichten ausgedacht sind. Der Sinn eines Märchens liegt in seiner Moral. Dem gegenüber spielen Verschwörungsgeschichten in der realen Welt. Ähnlich wie urbane Geschichten werden sie leicht von Menschen für wahr gehalten. Sie werden gerne spannend erzählt und nicht selten weiter ausgeschmückt. Dadurch verbreiten sie sich immer weiter.

Bedeutet das, dass wir jede Geschichte, die wir nicht beweisen können, als Verschwörungserzählung ablehnen sollten? Sollen wir alles völlig naiv glauben und hinnehmen, was wir z.B. in der Politik sehen? Wenn Geheimdienste mit immer mehr Überwachungsbefugnis ausgestattet werden? Oder wenn wie gestern ein Gesetz zu Uploadfiltern verabschiedet wird, das eine Gefahr der Zensur bedeutet?

Nein, auch das wäre falsch. In Markus 10, 42 lesen wir: „Da rief Jesus alle zusammen und sagte: »Ihr wisst, wie die Großen und Mächtigen dieser Welt ihre Völker unterdrücken. Wer die Macht hat, nutzt sie rücksichtslos aus.“

Nach einer Auslegung von Wolfgang Nestvogel zeigt das, dass alle Regierungen auf Dauer das Volk unterdrücken wollen. Die Obrigkeit ist zwar von Gott einsetzt (Römer 13,1), aber wir sollten ihr und ihrer Entscheidungen gegenüber immer kritisch sein.

Eine gewisse Verschwörungsmentalität sollte jeder gesunde Mensch mitbringen. Es muss sich aber in einer guten Balance halten, weil man von beiden Seiten vom Pferd fallen kann.

  • Wenn wir grundsätzlich alles ablehnen und hinter allem eine Verschwörung sehen, driften wir ab in eine wahnhafte Paranoia.
  • Wenn wir grundsätzlich alles glauben, dann sind wir naiv und es wird uns zum Schaden werden.

1.Thessalonicher 5,21-22 fordert uns auf: „Prüft alles, das Gute behaltet! 22 Haltet euch fern von dem Bösen in jeglicher Gestalt!“

Wo verläuft also diese Trennlinie zwischen gesundem Misstrauen und einer Verschwörungsideologie? Jan Rathe drückt das im Buch Fake Facts (2020) so aus:

–Zitat–

»Verschwörungsideologie bedeutet, dass die Verschwörung nicht mehr das zu beweisende, sondern die Grundvoraussetzung weiterer Überlegungen ist.«

»Wir reden hier also über ideologisch verformte Weltbetrachtungsweisen, die letztlich dann auch zu einem gesamten Welterklärungssystem über die Geschichte hinweg zusammenfließen können.«

–Zitat Ende–

Problematisch wird es für ihn vor allem, wenn man eigene Annahmen nicht länger hinterfragt, wenn rationale Argumente nicht mehr durchdringen. Es wäre also falsch, wenn wir Menschen, die ein gesundes Misstrauen gegen Machtstrukturen haben, pauschal in eine Verschwörungsecke stellen.

Menschen, die sich in einer Sache gut auskennen, wissen auch, wo ihr Wissen aufhört und können dann auch sagen, wenn sie eine Sache nicht wissen. Verschwörungsideologen haben dagegen immer auf alles eine Antwort. Wenn ihnen eine Sache widerlegt wird oder sie etwas nicht wissen, dann denken sie sich eine neue Verschwörungsgeschichte aus, die alles erklärt.

Warum sind wir anfällig für Verschwörungsmythen?

Die Bibel sagt in Spr 26,22 (HfA) „Das Geschwätz eines Verleumders ist so verlockend! Es wird begierig verschlungen wie ein Leckerbissen und bleibt für immer im Gedächtnis haften.“

Eine Studie vom 6. Juli 2020 zeigt: Wenn wir eine Extremsituation wie eine Pandemie haben, dann löst das eine Situation aus, wo man als Person Angst hat, die Kontrolle zu verlieren. Man bekommt das Gefühl eines Kontrollverlustes. Ein Verschwörungsmythos ist dann eine Möglichkeit, eine gefühlte Kontrolle zurück zuerlangen. Dadurch lässt sich einreden: „Ich weiß, was wirklich dahinter steckt. Alles ist harmlos.“

Dazu wieder ein Zitat aus dem Buch Fake Facts (Katharina Nocun, Pia Lamberti, 2020):

–Zitat–

Studien zeigen, dass wir dazu neigen, anzunehmen, dass »große Dinge« stets auch »große Ursachen« haben müssen. Das bedeutet: Wenn uns als mögliche Erklärung für ein dramatisches Ereignis zwei Alternativen präsentiert werden, von denen eine trivial und die andere spektakulär ist, bevorzugen wir Letztere. Dieser psychologische Mechanismus des sogenannten Proportionality Bias erklärt, warum sich besonders viele Verschwörungserzählungen um vermeintlich alltägliche Todesursachen von Prominenten ranken. Dass eine bedeutende Figur der Weltgeschichte bei einem Unfall zu Tode gekommen ist, passt für viele Menschen einfach nicht zusammen, da sie intuitiv eine der Wichtigkeit der Person angemessene große Ursache erwarten.

–Zitat Ende–

Auch wir Christen sind anfällig dafür, Verschwörungserzählungen zu glauben, weil wir uns der biblischen Endzeit bewusst sind. Daher müssen wir vorsichtig und nüchtern sein, damit wir nicht alle Ereignisse der Gegenwart unbedingt in die Offenbarung hinein interpretieren wollen.

Die Gefahren von Verschwörungsmythen

Menschen können unter Verschwörungsmythen leiden, da sie ständig Angst haben müssen, dass um sie herum Schaden gegen sie angerichtet wird. Sie entwickeln eine negative Weltsicht. Es geht sowieso alles den Bach runter. Sie fühlen sich öhnmächtig, weil sie als kleiner Mensch scheinbar keinen Einfluss auf gesellschaftliche oder politische Entwicklungen haben.

Dr. Michael Blume hat das in Folge 1 seines Podcast „Verschwörungsfragen“ sehr treffend formuliert. Man glaubt „alternativen“ Quellen, die den Mythos unterstützen grundsätzlich mehr, als „offiziellen“ Quellen. Man glaubt, dass alle Menschen, die dem Mythos widersprechen, selbst Teil der Weltverschwörung sind, die sie und ihre Familien bedrohen.

Selbst Menschen aus der Umgebung, Bekannte, Freunde und Familienmitglieder, die auf Ungereimtheiten und Widersprüche hinweisen, werden einfach in die Gruppe der Verschwörer aufgenommen, wobei deren Zahl beliebig weit wachsen kann.

Zu Beginn kann das Verschwörungsdenken noch Spaß machen oder vermeintliche Sicherheit vermitteln. Alles erscheint auf einmal erklärbar. Sorgen und Problem des Alltags sind auf einmal nicht mehr wichtig, wenn ohnehin schon bald die Gesellschaft oder die ganze Erde zusammen brechen wird. Man fühlt sich zugehörig im Kreis der kleinen, tapferen Gruppe der sogenannten „Erwachten“, die alles durchschaut haben.

Aber schnell stellen sich dann Angst und Misstrauen ein. Man misstraut Verwandten und Angehörigen, die einen beruhigen wollen und über Dinge aufklären wollen. Dies führt zu Distanzierungen, Isolation und Vereinsamungen und das wiederum zu einer noch stärkeren Beschäftigung mit den Themen. Dieser Effekt ist selbstverstärkend, wenn man sich mit anderen Verschwörungsgläubigen austauschen. Dank Internet geht das heute sehr viel schneller. Eine Filterblase mit Teufelskreis entsteht.

Geistlich gesehen verliert man Stück für Stück aus den Augen, dass Gott allmächtig ist. Man überschätzt einzelne Gruppen oder Regierungen. Dabei hält Gott die Dinge immer und jederzeit in seinen Händen. Es ist unmöglich, dass jemand an ihm vorbei die Macht übernehmen könnte. Und vergleicht das aktuelle Geschehen nicht mehr nüchtern mit dem prophetischen Wort der Bibel.

Antisemitismus in Verschwörungsmythen

Besonders wir als Christen sollten wissen: Viele Verschwörungsmythen haben antisemitische Ursprünge. Das möchte ich an zwei Beispielen festmachen:

1) Der Mythos der Brunnenvergiftung

Der Vorwurf der Brunnenvergiftung ist seit dem Mittelalter eines der beliebtesten antisemitischen Stereotype. Bei großen Seuchen, die man sich nicht erklären konnte, wurden schnell Gerüchte laut, dass angeblich Juden als Minderheit die Brunnen vergiften würden. Die Gerüchte konnten sich schnell verbreiten, weil den Juden generell Heimtücke, Schadenzauber und Verschwörungen gegen die Christenheit zugeschrieben wurde. Hinzu kommt, dass Juden, die oft sozial ausgegrenzt lebten oder sich an ihre jüdischen Hygienevorschriften hielten, erst später von Epidemien getroffen wurden. Insbesondere zu Zeiten der Großen Pest von 1347 bis 1350 diente dieser Verschwörungsmythos der Legitimation von Judenverfolgungen und Progromen.

Der Mythos der Brunnenvergiftung wird auch heute noch dazu benutzt, um Misstrauen gegen Juden zu schüren.

2) Die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion

1903 erschien im Russischen Kaiserreich ein antisemitisches Pamphlet. Darin wird in Form von „Protokollen“ behauptet, das „Weltjudentum“ strebe eine Weltherrschaft an. 1924 schrieb die englische Publizistin Nesta Webster auf dieser Grundlage ein Buch „Geheimgesellschaften und subversive Bewegungen“, in der sie fünf Verschwörergruppen benannte, die alle unter starkem jüdischen Einfluss stehen würden:

  • die illuminatische Freimaurerei,
  • die Theosophie,
  • den Pangermanismus,
  • die internationale Finanz
  • und den Sozialismus

Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels schrieb 1924 in sein Tagebuch, er halte die Protokolle für eine Fälschung. Trotzdem benutzte er das Pamphlet für die NS-Propaganda, um gegen „den Juden“ zu hetzen.

1933-1935 wurden Protokolle im Berner Prozess offiziell als Fälschungen aufgedeckt. Trotzdem glauben bis heute Anhänger von Verschwörungsmythen auf der ganzen Welt an die Echtheit dieser Protokolle. Besonders in islamischen Ländern und in Russland ist dieser Mythos sehr populär. In über 100 Jahren hat diese Fälschung für sehr viel Schaden und Antisemitismus gesorgt.

In Deutschland wird ihre Verbreitung seit 2001 als Volksverhetzung (§ 94 und § 98 der Strafprozessordnung) strafrechtlich verfolgt. Das hält aber den spätere baden-württembergische Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon (AfD) nicht davon ab, sich in zwei Schriften 2009 und 2012 zustimmend auf die Protokolle zu beziehen. Auch in der Verschwörungserzählung zum 11. September 2001 wird Bezug auf diesen Mythos genommen.

Bei Kritik an Politik oder Wirtschaft wird schnell vereinfacht von „denen da oben“, geheime Bünde wie Freimaurer und auf Milliardärsfamilien wie die Rothschilds oder George Soros gesprochen. Diese Zuschreibungen sind in den meisten Fällen reine Fiktion. Und wenn man diese Vorwürfe weiter hinterfragt, kommt man wieder zurück zum Mythos der „Protokolle der Weisen von Zion“.

Es macht mich traurig, wenn ich – auch in unserer Gemeinde – solche Schnipsel des Verschwörungsmythos höre. Die Vereinfachung der Realität in „die da oben“ und „wir hier unten“ machen Erzählungen oft anschlussfähig für antisemitische Welterklärungsmodelle. Viele Menschen ist gar nicht bewusst ist, was sie da sagen. Nicht jede Verschwörungserzählung ist automatisch antisemitisch. Aber ich hoffe, dass ich uns mit diesem Vortrag dazu sensibilisieren kann, damit dieser Mythos aus unseren Gemeinden verschwindet.

Denn das Volk Israel ist das auserwählte Volk Gottes. Unser christlicher Glaube ist auf dem jüdischen Glauben aufgepfropft. Gleich an mehreren Stellen heißt es in der Bibel: „Wer Israel segnet, wird gesegnet; Wer Israel flucht, sei verflucht.“ (1.Chronik 16,22; 4.Mose 24,9; 1.Mose 12,3)

Wenn ein Verschwörungsmythos den jüdischen Glauben als das ultimative Böse sieht, dann widerspricht das grundsätzlich dem Heilsplan Gottes, den wir in der Bibel finden. Und dann kann man auch von einer Irrlehre sprechen.

Umgang mit Verschwörungsgläubigen

So vielschichtig das Problem ist, so vielschichtig sind auch die Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben. Ich werde euch heute leider nicht zeigen können, wie man Menschen überzeugen kann, dass sie einem Mythos folgen.

Können Menschen aus einer Verschwörungsideologie wieder herausfinden? Ja, denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Aber die Praxis und auch meine eigene Erfahrung zeigen, dass es sehr selten geschieht. Es braucht viele Gespräche und sehr viel Gespür und Verständnis für den Gegenüber.

Wichtig beim Umgang mit Verschwörungsideologen ist, dass man sich selber nicht reinziehen lassen darf, sondern sich selber schützen muss. Wenn ihr mit einem solchen Menschen diskutiert, dann werdet ihr schnell einige Dinge merken:

Ein Verschwörungsgläubiger, der sich tief mit einer Verschwörungserzählung beschäftigt hat, wird schnell versuchen, auf eine Detailebene der Erzählung hinabzusteigen. Bei der Verschwörungserzählung zum 11. September kann es dann sein, dass man sich über Schmelztemperaturen und physikalischen Prozessen in heißem Stahl unterhalten muss.

All das lässt sich physikalisch erklären, aber Verschwörungsgläubige werden euch dazu keine Zeit geben, sondern direkt auf das nächste Detail hinweisen. Die Vorwürfe, dass etwas nicht stimmen könne, sind immer schneller gemacht als das Widerlegen der vermeintlichen Indizien. Dieser Debattentrick ist auch als „Gish gallop“ bekannt. Man will das Gegenüber mit einer Flut aus Halbwahrheiten oder unterstellten falschen oder lächerlichen Annahmen überrollen. Das sollte man erkennen und vermeiden.

Bei einer solchen Diskussion sollte man sich lieber auf das Grundgerüst der Annahmen des Gegenübers konzentrieren. Wenn man das geschickt macht, kommt man so zum zugrunde liegenden Verschwörungsmythos, über den man dann aufklären kann.

Wenn man mit Christen diskutiert, dann sollte man auf die Allmacht Gottes verweisen. Bei antijüdischen Mythen sollte man auf den Antisemitismus aufmerksam machen und auf den Heilsplan für Israel hinweisen.

Wenn Menschen eine Tendenz zu Unsicherheit und emotionalen Einzelfällen haben, sollte man mit Emotionen und Gegenbeispielen dagegen halten. Wenn also z.B. jemand Angst vor vermeintlichen Imfschäden hat, so kann man davon erzählen, dass man persönlich jemanden kennt, bei dem eine Impfung völlig ohne Probleme verlaufen ist.

Eine ständige Diskussion kann aber auch anstrengend sein, besonders wenn die Person im gleichen Haushalt wohnt. Daher muss man auch nicht immer darüber diskutieren. Man kann auch dieses Thema bewusst vermeiden und sagen, dass man nicht darüber sprechen will. Und in ganz schlimmen und belastenden Fällen sollte man sich Hilfe holen. Zum Beispiel hier in der Gemeinde, bei der Jugendleitung oder sogar bei Beratungsstellen.

Bei allem gilt aber: Versucht, weiterhin Kontakt zu der Person zu halten oder Kontakt anzubieten und ihr Liebe entgegen zu bringen. Wenn sich alle Menschen von dieser Person distanzieren, können sie sehr leicht vereinsamen und sich in einer Filterblase weiter radikalisieren.

Zum Abschluss habe ich noch 3 Tipps von Wilfried Plock, die er in einem Beitrag vom 15.05.2021 veröffentlicht hat:

1) Man braucht die Fähigkeit zur Unterscheidung

Sind Informationen, die bei mir ankommen, eine Wiedergabe von Fakten? Oder handelt es sich um eine Interpretation oder eine Meinung?

Woher kommen die Informationen? Ist das Medium vertrauenswürdig? Bestätigen andere Quellen die Information? Welche Argumente bringen andere Medien, die eine Sachlage ganz anders darstellen.

Wichtig dabei ist aber: Wir glauben einer Information eher, wenn sie unserem eigenen Weltbild und unserer Meinung entspricht. Das nennt man den „Confirmation Bias“, also zu Deutsch den „Bestätigungsfehler“. Diesem Fehler sollten wir nicht verfallen. Denn selbst bekannte Prediger, Theologe oder Blogger können sich unbewusst für Verschwörungsmythen öffnen.

Alles zusammen nennt man auch die Medienkompetenz. Auch in diesem Fall gilt der schon erwähnte Grundsatz aus 1.Thessalonicher 5,21-22: „Prüft alles, das Gute behaltet! 22 Haltet euch fern von dem Bösen in jeglicher Gestalt!“

2) Hütet euch vor Oberflächlichkeit

Wenn man komplexe Themen möglichst stark vereinfacht, dann spricht man auch von einer „didaktischen Reduktion“. Das führt dann zur Annahme, dass man sich nicht tiefergehend mit den vorliegenden Dingen auseinandersetzen muss. Das müssen wir vermeiden.

Das Problem hier ist, dass wir mit Informationen sehr verschieden umgehen.

Dazu möchte ich wieder eine wichtige Stelle aus dem Buch Fake Facts (Katharina Nocun, Pia Lamberti, 2020) zitieren:

–Zitat–

Menschen unterscheiden sich stark darin, wie sie mit Informationen umgehen. In der Persönlichkeitspsychologie bezeichnet man das als Erkenntnisbedürfnis (Need for Cognition).

Menschen vom Typ »kognitive Vermeider« sind eher der Meinung, dass es ihnen genügt, einfache Antworten zu kennen, ohne die Gründe eines Problems zu verstehen. Auf der anderen Seite stehen Menschen mit einem hohen Erkenntnisbedürfnis, denen es Freude bereitet, über Probleme und Lösungswege nachzudenken.

Im Rahmen von Studien konnte belegt werden, dass Menschen mit einem hohen Erkenntnisbedürfnis in der Regel auch eher zu einer systematischen, zentralen Verarbeitung von Argumenten neigen – sie fokussieren sich also eher auf die Fakten und lassen sich weniger von Nebensächlichkeiten wie etwa dem Aussehen eines Redners ablenken. Außerdem konnte ein Zusammenhang zwischen einem hohen Erkenntnisbedürfnis und einem eher konstruktiven Umgang mit Kritik festgestellt werden. Diese Menschen neigen auch weniger dazu, ängstlich zu reagieren, und komplexe Probleme bereiten ihnen weniger Sorgen.

–Zitat Ende–

Wenn wir uns mit einer Sache nicht tief genug beschäftigt haben, dann sollten wir uns bewusst machen, dass unser Wissen hier am Ende ist und das auch klar sagen. Das ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Ansonsten verliert man sich wieder in den Verschwörungsmythen.

3) Bleibt biblisch nüchtern und habt Gottvertrauen

Als Christen sollen wir uns nicht ständig mit Spekulationen abgeben, sondern auf dem festen Grund des Wortes Gottes bauen.

Jesaja 8,12-13 (HfA) fordert uns auf: „Du und alle, die auf deiner Seite stehen, lasst euch nicht beirren, wenn dieses Volk von Verschwörung redet. Habt keine Angst vor dem, was sie fürchten! 13 Mich allein sollt ihr ehren, denn ich bin der HERR, der allmächtige Gott. Wenn jemand zu fürchten ist, dann ich!“

Niemand will bestreiten, dass es Korruption, Lobbyismus und ungute Absprachen in Hinterzimmern gibt, mit denen demokratische Maßnahmen umgangen werden sollen. Wir wissen auch, dass der gottlose Zeitgeist sich immer weiter weg von den biblischen Werten entwickelt. Wir sind daher ständig von Verschwörungen umgeben, aber über die Details und dem Ausmaß werden wir nur spekulieren können. Daher sollten wir das sein lassen, und das lieber z.B. investigativen Journalisten überlassen, deren Informationen wir dann prüfen können. Solange wir uns nicht mit Hintergründen und Argumenten einer Angelegenheit beschäftigt haben, sollten wir uns zurückhalten und nicht spekulieren oder Gerüchte weiterverbreiten.

Eine Beschäftigung mit den Plänen des Satans sind müßig. Wir werden damit nie Erfolg haben. Viel eher sollten wir uns mit den Plänen Gottes beschäftigen.

Gott hat zu jeder Zeit alles unter Kontrolle. Nichts passiert, ohne dass er es zulässt. Er hat seinen Plan mit der Weltgeschichte, die er mit oder gegen unsere menschlichen Pläne umsetzen wird.

Weitere Literatur

Wenn ihr euch tiefer mit diesem Thema auseinander setzen wollt oder ihr sachliche Erklärungen zu Verschwörungserzählungen und die Hintergründe haben wollt, dann kann ich euch diese Bücher, Podcasts und Webseiten empfehlen: